Lesung am leeren Stuhl in Pasing

161109-leerer-stuhl-120Sonntag 20.11.2016 um 11 Uhr Namenslesung verschleppter oder getöteter Pasinger Juden beim „Leeren Stuhl“ am Pasinger Rathaus, Rathausstraße, anlässlich des Totensonntags.

„Jeder Mensch hat einen Namen“ – Gedenkakt am Leeren Stuhl in Pasing

Am Morgen des 20. November 1941 fährt aus München ein Zug nach Kaunas, Litauen, vollgestopft mit fast 1.000 Münchner Juden – Männer, Frauen und 49 Kinder. Auch Pasinger saßen darin. Wenige Tage später wurden sie alle erschossen. Ihrer soll nach 75 Jahren gedacht werden. Das Kulturforum München-West, das im letzten Jahr tatkräftig zur Errichtung der Skulptur „Leerer Stuhl“ am Rathaus beigetragen hat, lädt am 20. November, am Totensonntag, zu einem Gedenkakt am Pasinger Rathaus, Eingang Rathausgasse, ein. Mitglieder der Geschichtswerkstatt „Jüdisches Leben im Münchner Westen“ verlesen Namen und Lebenswege dieser Opfer der Judenverfolgung. [Die Opfer der Shoah aus Pasing]

Die Lesung wird begleitet von dem Klarinettisten Oliver Klenk. Beginn ist um 11 Uhr, der Eintritt ist frei.

Mitglieder der Geschichtswerkstatt „Jüdisches Leben im Münchner Westen“ haben, ausgehend von einem VHS-Kurs unter Leitung des Historikers Dr. Bernhard Schoßig, 3 Jahre lang recherchiert. Die Ergebnisse dieser Arbeit haben sie in einer Ausstellung in der Pasinger Fabrik präsentiert und in einem Begleitbuch veröffentlicht. Durch diese Forschungsergebnisse bekommen die Opfer des Nationalsozialismus im Münchner Westen persönliche Konturen.

Das Mahnmal, der „Leere Stuhl“ der Künstlerinnen Marlies Poss und Blanka Wilchfort, ist Symbol der Erinnerung an die in Pasing beheimateten jüdischen Bürger und Bürgerinnen, die nach der Vertreibung durch die NS-Herrschaft hier ihre „Wohn-Sitze“ verloren  und im Stadtteil „Leer-Stellen“ hinterlassen haben.

Lesung

der Namen und kurze Darstellung der Schicksale der jüdischen Bürger, die zwischen 1933 und 1945 in Pasing lebten und verfolgt, vertrieben und/oderermordet wurden, zusammengestellt von Dr. Doris Barth und Almuth David.

  1. Richard Berg
    lebte ab 1938 als Auslandskorrespondent in München.
    Ab Anfang der 40-er Jahre musste er in der Gärtnerei Laugl in Pasing Zwangsarbeit leisten. Von dort wurde er im Februar 1945 mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt deportiert.
    Er überlebte und kehrte am 28.06.1945 nach München zurück. Dort starb er 1959 im Alter von 70 Jahren.
  2. Luise Burger, geb. Altmann,
    war von ihrem nichtjüdischen Mann geschieden und deshalb nicht mehr durch eine sog. privilegierte Mischehe geschützt.
    Sie lebte seit 1941 in München-Pasing.
    Im selben Jahr wurde sie im Alter von 57 Jahren für den Bau der „Judensiedlung Milbertshofen“ zwangsverpflichtet.
    Am 23.07.1942 erfolgte ihre Deportation nach Theresienstadt.
    Sie überlebte und kehrte im Juni 1945 nach München-Pasing zurück. Dort starb sie 1972 im Alter von 88 Jahren.
  3. Julie Ciriacy-Wantrup
    lebte von 1937 bis 1942 in Pasing. Sie war Damenschneiderin. Aufgrund ihrer Scheidung von einem nicht jüdischen Mann war sie nicht mehr geschützt.
    1942 bekam sie einen Deportationsbescheid, damals „Abwanderungsbescheid“ genannt. In ihrer Verzweiflung nahm sie sich im Alter von 36 Jahren am 20.7.1942 in Pasing das Leben.
  4. Julies Mutter Laura Czarnikauer
    zog 1939 zu ihrer Tochter nach Pasing.
    Am 01.07.1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Sie gehörte zu den Häftlingen, die im Februar 1945 von der Schweiz frei gekauft wurden und so überleben konnten.
  5. Jenny Emmerich-Högen
    lebte seit 1914 in Pasing. Sie war die Witwe eines bekannten Reiseschriftstellers. Sie wurde im Alter von 63 Jahren am 04.04.1942 zusammen mit über 700 Juden aus Oberbayern und Schwaben nach Piaski in Polen deportiert.
    Todesdatum und Todesort sind nicht bekannt.
  6. Irma Glaser
    lebte von 1917 bis 1933 in Pasing. Sie war Buchhändlerin. Am 24.04.1933 nahm sie sich das Leben. Sie wurde 47 Jahre alt.
  7. Dr. Felix Goldmann
    lebte von 1937 bis 1942 in Pasing. Er war Werksleiter der PECO-Schweißmaschinenfabrik.
    Nach seiner „Zwangsumsiedlung“ in die „Judensiedlung Milbertshofen“ Anfang 1942 nahm er sich dort am 30.03.1942,
    kurz vor seiner Deportation, das Leben. Er wurde 51 Jahre alt.
  8. Bernhard Haas
    lebte von 1933 bis 1938 in Pasing. Er war Kaufmann. Während des Novemberpogroms 1938 wurde er im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Dort starb er am 28.11.1938. Er wurde 67 Jahre alt.

Die staatenlose Familie Hönig lebte seit 1910 in Pasing und war immer wieder von Ausweisung bedroht. Folgende Angehörige waren zwischen 1933 und 1945 der Verfolgung ausgesetzt:

  1. Alfred Hönig
    war Kaufmann. Obwohl er in einer sog. privilegierten Mischehe verheiratet war, wurde er noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte und kehrte im Juni 1945 nach München-Pasing zurück. 1948 wanderte er mit seiner Familie in die USA aus.
  2. Josef Hönig und
  3. seine Frau Babette, geb. Kirchheimer waren seit 1934 verheiratet.
    Josef war Friseur mit eigenem Salon in Pasing, der am 1. April 1933 Ziel des sog. „Judenboykotts“ wurde. Wegen weiterer Repressalien gab Joseph 1936 das Geschäft auf. Im selben Jahr zog das Ehepaar nach München. Von einem neu verhängten Aufenthaltsverbot als Staatenlose bedroht gelang ihnen Ende Juli 1939 die Flucht nach Italien.
    Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
  4. Leopold Hönig
    war Vertreter und lebte wie sein Bruder Alfred in einer sog. privilegierten Mischehe mit einer Nichtjüdin.
    Mit ihm zusammen wurde er mit einem der letzten Transporte im Februar 1945 nach Theresienstadt verbracht.
    Er überlebte und kehrte im Juni 1945 nach München-Pasing zurück. 1947 wanderte er mit seiner Familie in die USA aus.
  5. Olga Hönig,
    einzige Tochter der Familie Hönig, war eine geschätzte Damenschneiderin in Pasing. 1938 wurde sie mit Berufsverbot belegt. Am 28.09.1939 konnte sie nach England und im Folgejahr in die USA emigrieren.
  6. Otto Kalisch
    lebte von 1912 bis 1938 in Pasing.
    Er war Kunstmaler, Portraitmaler und Fotograf und betrieb eine fotografische Vergrößerungsanstalt. Er starb am 2.11.1938 in München, weitere Lebensdaten fehlen.
  7. Albert Lehmann
    lebte von 1899 bis 1943 in Pasing.
    Er war Kunstmaler und Stadtfotograf, dessen Postkarten das alte Pasing dokumentierten.
    Albert Lehmann starb 1943 im Alter von 74 Jahren, sein Grab befindet sich auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München.

Professor Harry Marcus und Familie
Das Schicksal der Familie Marcus, die seit 1936 in Pasing lebte und am 01.09.1939, am Tag des Beginns des Zweiten Weltkriegs, von Italien aus nach Bolivien ins Exil ging, wird im Anschluss ausführlich dargestellt. Folgende Familienmitglieder emigrierten zusammen:

  1. Der Sohn Benno Marcus
    der Volks- und Forstwirt war und in Bolivien blieb. Er starb dort 1976.
  2. Die Tochter Emma Erica Marcus
    Sie kehrte zusammen mit dem Vater 1954 nach München-Pasing zurück und starb dort 2001.
  3. Dr. Harry Marcus
    Als Professor für Anatomie an der LMU wurde er mit Berufsverbot belegt und in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Aus der Emigration kehrte er nach dem Tod seiner Frau in sein Pasinger Haus zurück und starb 1976 im Alter von 93 Jahren.
  4. Margarete Marcus,
    die Ehefrau von Professor Harry Marcus, starb 1953 im Exil
  5. Eva Mathes
    lebte von 1937 bis 1940 und von 1947 bis 1960 in Pasing.
    Sie wurde 1941 mit 75 Jahren in die „Judensiedlung Milbertshofen“ eingewiesen und von dort im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und kehrte im Juni 1945 nach München zurück.
    Nach einem zermürbenden Kampf um die Rückerstattung ihres Hauses starb sie 1960 im Alter von 93 Jahren in Pasing.
  6. Richard Meyer (*27.06.1877)
    lebte von 1914 bis 1953 in Pasing. Er war Fachmann für Gartenbau. Im Oktober verlor er durch den Tod seiner nicht-jüdischen Frau die sog. „Mischehen-Privilegien“.
    Vom Arbeitslager Moosach wurde er noch im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert. Er überlebte und kehrte im Juni 1945 nach Pasing zurück. Am 30.12.1953 starb er im Alter von 76 Jahren in München.
  7. Emil Neuburger (*24.05.1870)
    lebte von 1901 bis 1938 in Pasing. Er war Kaufhausbesitzer und Mitglied des Pasinger Magistratsrats.
    Am 14.06.1938 starb er im Alter von 68 Jahren in Pasing, bevor er mit seiner zweiten Frau Emilie die geplante und genehmigte Ausreise nach New York antreten konnte.
    Eine Straße in der Nähe des Pasinger Bahnhofs ist nach Emil Neuburger benannt.
  8. Seine Frau Emilie Neuburger, geb. Bernheimer,
    emigrierte im September 1938 nach New York.
  9. Karoline Neuburger,
    die 1903 in Pasing geborene Tochter aus erster Ehe war bereits am 21.11.1936 nach New York ins Exil gegangen.
    (Bürge für Emilie und Karoline war Sohn Michael, der schon seit 1927 in New York lebte.)
  10. Elisabeth Norgauer, geb. Kronacher (*03.03.1885)
    lebte von 1932 bis 1966 in Pasing. Sie war an der Königlichen Akademie der Tonkunst ausgebildete Musikleherin und gab nach dem Tod ihres nicht-jüdischen Mannes im Jahr 1932 Klavierunterricht.
    Im Juli 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Sie kehrte am 23.06.1945 als Überlebende nach Pasing zurück. Dort starb sie 1966. Ihre einzige Tochter war vier Jahre vor ihr gestorben. Sie sind in einem Grab auf dem Waldfriedhof beerdigt.
  11. Regina Pachmayr und Familie
  12. lebte von 1931(?) bis 1939 in Pasing. Regina Pachmayer war von ihrem nicht-jüdischen Mann, einem Arzt, geschieden und verlor damit den Schutz der sog. „privilegierten Mischehe“.
  13. Am 16.02.1939 gelang ihr mit den drei Töchtern die Emigration nach England.
  14. Über das weitere Schicksal der Familie wissen wir nichts.
  15. Otto Regensteiner (*22.06.1877)
    lebte von 1892 bis 1933 in Pasing. Er war der jüngste Sohn des Pasinger Schuhfabrikanten Albert Regensteiner.  Er betrieb einen Handel mit Autozubehör.
    Heute vor 75 Jahren, am 20.11.1941, wurde er zusammen mit fast 1000 Münchner Juden nach Kaunas deportiert und dort am 25.11.1941 erschossen. Er wurde 64 Jahre alt.

31.– 34. Frida Roth und Familie

  1. Frida Roth (*20.11.1891)
    lebte von 1922 bis 1939 in Pasing. Ihr 1929 in Pasing verstorbener Mann, Dr. Emil Roth, war Teilhaber einer renommierten Münchner Tuchhandelsfirma am Stachus.
    Am 1. April 1933 wurde das Geschäft Ziel des sog. „Judenboykotts“, am 05.09.1938 wurde die Firma „arisiert“.
    Am 22.05.1939, nach langem Kampf, gelang Frida Roth die Ausreise nach Australien. Auch ihre drei Töchter haben überlebt.
  2. Zuerst emigrierte die jüngste Tochter Marianne Amalie im Juli 1938 nach England im Alter von 20 Jahren.
  3. Drei Monate später, im Oktober 1938, konnte die mittlere Tochter Gertraude Therese mit ihrem Mann, einem Berliner Rabbiner, nach Palästina emigrieren.
  4. Der ältesten Tochter Anneliese, 1913 geboren, gelang im Juli 1939 zusammen mit ihrem Mann, dem bekannten Münchner Antiquar Ernst Rosenthal, die späte Flucht nach England. Erst nach dem Krieg konnte das Paar wie geplant nach Australien zu Frida Roth emigrieren.
    Über die weiteren Lebenswege der vier Frauen ist uns nichts bekannt.
  5. – 38. Berthold Sterneck und Familie.
    Über das Schicksal der Familie Sterneck berichten wir am Ende dieser Namenslesung etwas ausführlicher.